Ein Monat, 31 Portraits / One Month, 31 Portraits

Mar 12

Neues Kapitel kommt bald! New chapter on the way! 

Schiffe Portraits / Ship portraits / January 2012:
Text: Natalia Irina Roman (nata) & Roland Siegloff (ff)Photo processing: Thierry Monasse
Graphic Design: Silvia Roman

Neues Kapitel kommt bald! New chapter on the way! 


Schiffe Portraits / Ship portraits / January 2012:

Text: Natalia Irina Roman (nata) & Roland Siegloff (ff)
Photo processing: Thierry Monasse

Graphic Design: Silvia Roman

Jan 31

[video]

Jan 30


Es war einmal
da wurde der Tempelhofer Hafen privatisiert. In den 90ern. Heute gibt es viele Liegeplätze. Die Kräne stehen daneben nur noch als Deko. Und die Alte Liebe bleibt hier das ganze Jahr. Sie sinkt tiefer heute, hat ein paar Steine auf ihrem Herz. Seit drei Jahren ist sie hier und der Hafen hat nie zuvor so gut ausgesehen. „Der Hafen hier war mal verschrieen in Berlin als Schrotthafen. Ich war damals schon Hafenmeister“, erzählt Peter, der seit seinem 35. Lebensjahr auf dem Wasser arbeitet. Heute gibt es viel Verkehr. Die Alte Liebe Tempelhof bewegt sich aber nicht mehr.
Sie ist ein verwandeltes Schiff. Ihr alter Namen Glauchau steht noch auf einem Schild. Sie war ein Öltanker, der die Handelsflotte der Ex-DDR mit Brennstoff versorgte. Ihre Vergangenheit ist aber vergessen. Heute heißt sie anders. Sie dient im Sommer als Hausboot für Peter. Er trägt Ohrstecker, sie dann die Palmen, die jetzt auf der Ostmole stehen – wenn sie sich in ein südländisches Café verwandelt. Es gibt Glück auch spät im Spiel. Vielleicht weniger Glanz. Auf der Alten Liebe ist es „bequem und gemütlich“, mit einem „Bett zum Schlafen“, einem Büroraum und einem Kühlschrank: „Es ist bewohnbar.“ Zugleich immer noch Leidenschaft: „Eine richtige Ausbildung als Hafenmeister gibt es ja gar nicht. Da ist Herzblut dabei,“ erzählt Peter über seine Arbeit.
Im Winter ist weniger los. Peter ist trotzdem da, auch wenn er dann nicht auf dem Schiff wohnt. Die Enten klopfen morgens ans Boot, weil sie sich den Grünspan holen. Eine Schwanenfamilie mit vier Jungen schwimmt im Hafen. Und Bruno steht an Bord, der wunderliche einsame Kranich. „Seit 2001 ist er hier. Er ist noch nie mit ‘ner Frau gekommen, er ist immer allein.“ Peter wird im Sommer wieder allein die Kapitänskajüte bewohnen. Das Schiff trägt ihn und bis zu 820 Tonnen Ladung der Alten Liebe. Und wenn sie nicht gesunken ist, dann liegt sie dort noch heute.
nata
.
Once Upon a Time
Tempelhof Harbor was privatized. In the 90s. Today, there are many anchorages. The cranes are left aside as décor. And Alte LIebe / Old Love gets to stay here the entire year. She sinks a bit deeper today, has a few stones on her heart. She’s been here for three years now and the harbor has never looked better. ‘The harbor used to have a bad reputation in Berlin as junk harbor. I was already harbormaster back then’, tells Peter, who’s been working on water since he was 35. There’s a lot of traffic today. But Alte Liebe Tempelhof doesn’t move anymore.
She’s a metamorphosed ship. Her old name, Glauchau, is still written on a plate. She used to be an oil tank, supplying with fuel the shipping of the former GDR. But her past is forgotten. She has a different name today. She serves as Peter’s houseboat in the summer. He’s wearing an earring; she the palm trees, which are now on the East mole – when she metamorphoses in a southern café. There’s happiness also later in the game. Maybe less gloss. On Alte LIebe is ‘cosy and comfortable’, with a ‘bed for sleeping’, an office and a fridge, ‘it’s livable.’ But still lots of passion, ‘there isn’t really a training for becoming harbormaster. It’s about a lot of passion’, tells Peter about his work.
There’s less going on in winter. Peter is still here, even if he doesn’t live on the ship. Ducks knock mornings on the boat, as they collect the green rust. A swan family with four cubs swims in the harbor. And Brunos is also on board, the fantastical lonely crane. ‘He’s been here since 2001. He’s never brought a female along, he’s always on his own.’ Peter will habit again the captain’s cabin in summer. The ship wears him and up to 820 cargo tones of Old Love. And she floats happily ever after.
nata

Es war einmal

da wurde der Tempelhofer Hafen privatisiert. In den 90ern. Heute gibt es viele Liegeplätze. Die Kräne stehen daneben nur noch als Deko. Und die Alte Liebe bleibt hier das ganze Jahr. Sie sinkt tiefer heute, hat ein paar Steine auf ihrem Herz. Seit drei Jahren ist sie hier und der Hafen hat nie zuvor so gut ausgesehen. „Der Hafen hier war mal verschrieen in Berlin als Schrotthafen. Ich war damals schon Hafenmeister“, erzählt Peter, der seit seinem 35. Lebensjahr auf dem Wasser arbeitet. Heute gibt es viel Verkehr. Die Alte Liebe Tempelhof bewegt sich aber nicht mehr.

Sie ist ein verwandeltes Schiff. Ihr alter Namen Glauchau steht noch auf einem Schild. Sie war ein Öltanker, der die Handelsflotte der Ex-DDR mit Brennstoff versorgte. Ihre Vergangenheit ist aber vergessen. Heute heißt sie anders. Sie dient im Sommer als Hausboot für Peter. Er trägt Ohrstecker, sie dann die Palmen, die jetzt auf der Ostmole stehen – wenn sie sich in ein südländisches Café verwandelt. Es gibt Glück auch spät im Spiel. Vielleicht weniger Glanz. Auf der Alten Liebe ist es „bequem und gemütlich“, mit einem „Bett zum Schlafen“, einem Büroraum und einem Kühlschrank: „Es ist bewohnbar.“ Zugleich immer noch Leidenschaft: „Eine richtige Ausbildung als Hafenmeister gibt es ja gar nicht. Da ist Herzblut dabei,“ erzählt Peter über seine Arbeit.

Im Winter ist weniger los. Peter ist trotzdem da, auch wenn er dann nicht auf dem Schiff wohnt. Die Enten klopfen morgens ans Boot, weil sie sich den Grünspan holen. Eine Schwanenfamilie mit vier Jungen schwimmt im Hafen. Und Bruno steht an Bord, der wunderliche einsame Kranich. „Seit 2001 ist er hier. Er ist noch nie mit ‘ner Frau gekommen, er ist immer allein.“ Peter wird im Sommer wieder allein die Kapitänskajüte bewohnen. Das Schiff trägt ihn und bis zu 820 Tonnen Ladung der Alten Liebe. Und wenn sie nicht gesunken ist, dann liegt sie dort noch heute.

nata

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Once Upon a Time

Tempelhof Harbor was privatized. In the 90s. Today, there are many anchorages. The cranes are left aside as décor. And Alte LIebe / Old Love gets to stay here the entire year. She sinks a bit deeper today, has a few stones on her heart. She’s been here for three years now and the harbor has never looked better. ‘The harbor used to have a bad reputation in Berlin as junk harbor. I was already harbormaster back then’, tells Peter, who’s been working on water since he was 35. There’s a lot of traffic today. But Alte Liebe Tempelhof doesn’t move anymore.

She’s a metamorphosed ship. Her old name, Glauchau, is still written on a plate. She used to be an oil tank, supplying with fuel the shipping of the former GDR. But her past is forgotten. She has a different name today. She serves as Peter’s houseboat in the summer. He’s wearing an earring; she the palm trees, which are now on the East mole – when she metamorphoses in a southern café. There’s happiness also later in the game. Maybe less gloss. On Alte LIebe is ‘cosy and comfortable’, with a ‘bed for sleeping’, an office and a fridge, ‘it’s livable.’ But still lots of passion, ‘there isn’t really a training for becoming harbormaster. It’s about a lot of passion’, tells Peter about his work.

There’s less going on in winter. Peter is still here, even if he doesn’t live on the ship. Ducks knock mornings on the boat, as they collect the green rust. A swan family with four cubs swims in the harbor. And Brunos is also on board, the fantastical lonely crane. ‘He’s been here since 2001. He’s never brought a female along, he’s always on his own.’ Peter will habit again the captain’s cabin in summer. The ship wears him and up to 820 cargo tones of Old Love. And she floats happily ever after.

nata

Jan 29


Die zweite große Geliebte
Es geschieht nicht alle Tage, dass ein Mann – und ein gutaussehender dazu – sich eine 40 Jahre ältere Geliebte sucht. Bernd hat es getan und sein Glück gefunden. Das kam so. Bernd fuhr mit seinen Schülern auf Klassenreise nach Holland. Sie segelten auf einem Schiff namens Ebenhezer, was man mit „Bis hierhin hat der Herr uns geholfen“ übersetzen kann. Der Eigner des Schiffes wusste sich nicht mehr zu helfen. „Mit Gottes Hilfe ist er pleite gegangen“, erzählt Bernd, „und mir ist eine Ehe pleite gegangen.“ Bernd verliebte sich aufs Neue. Er übernahm das Schiff, „meine zweite große Geliebte“, und segelte mit Ria seinerseits über Ijssel- und Wattenmeer: “Wir sind Wasserzigeuner.”
Das Schiff – gebaut 1910 in Zwartsluis als 30 Meter langer holländischer Einmast-Frachtsegler vom Typ Plattbodenschiff, nach Umbau mit Gemeinschaftsraum und zwei Dutzend Kojen – hieß nun Jacob van Berlijn nach Bernds damals zweijährigem Sohn aus der geschiedenen Ehe, der in Berlin geblieben war. Bernd und Ria nahmen wieder Schulklassen an Bord. “Da arbeiten alle zusammen”, schwärmt er, “das ist pädagogisch hervorragend.” Mal zerbrach eine Böe den 16 Meter langen Baum, und nach zwölf Jahren Notfalltraining ging ein Ozeansegler über Bord. Sommers segelten sie durch Holland, winters lagen sie im Emder Hafen.
Bis zu 140 Tage im Jahr ununterbrochen auf Segeltörn mit wechselnden Gruppen, das kostet Kraft. Deshalb soll die Jacob van Berlijn jetzt in Berlin ihren Unterhalt verdienen. Bernds Lehrergehalt reicht nicht für die zweite Geliebte. Sie ist anspruchsvoll: “Das frisst zu viel Liebe. Ich stecke hier überall drin. Sobald ich nachlasse, geht alles kaputt.” Eine Symbiose sei er mit dem Kahn eingegangen: “Schiffe sind Wesen, die haben eine Seele. Mit der Seele kann man sich vereinen.” Bernd sagt das ohne Pathos. Er sitzt in der gemütlich geheizten Kapitänskajüte, zwölf Quadratmeter mit Herd und Tisch und Bett, und stellt fest: “Mein Lebensmittelpunkt, auch der Höhepunkt.”
ff
.
Second Big Lover
It doesn’t happen every day that a man – and a good-looking one – would look for a lover 40 years older. Bernd did that and found his happiness. It happened like this. Bernd went with his pupils for a class trip to Holland. They sailed on a ship named Ebenhezer, which could be translated as ‘God helped us so far’. The owner of the boat couldn’t take it further. ‘With God’s help he went bankrupt’, tells Bernd, ‘and my marriage also went down the drain.’ Bernd fell in love again. He took over the ship, ‘my second lover’, and sailed with Ria on his side over Ijsselmeer and Wattenmeer – ‘we’re water gypsies.’
The ship – built 1910 in Zwartluis as a 30 meters flat Dutch cargo sailing ship, with living room and two dozen cabins after reconstruction – was named Jacob van Berlijn after his son, then two years old from the split marriage. Bernd and Ria are again taking pupil-trips on board. ‘Everyone works together then’, he says, ‘this is pedagogically fantastic.’ The boom of 16 meters broke once, and after twelve years of emergency training, an ocean sailor fell over board. The ship sailed through Holland in summer and slept in the Emden Harbor in winter.
Up to 140 days in a row in a year sailing with different groups, that takes strength. So Jacob van Berlijn has to earn its living in Berlin now. Bernd’s teacher salary is not enough for his second lover. She demands a lot, ‘it takes up too much love. I’m all over the place. As soon as I’ll let go, everything will break apart.’ He formed a symbiosis with the barge, ‘ships have character, they have a soul. One can join a soul.’ Bernd doesn’t say that in a pathetic way. He’s sitting in his cosy warm captains’ cabin, twelve square meters big with oven and table and bed, and states, ‘the center of my life, and my climax.’
ff

Die zweite große Geliebte

Es geschieht nicht alle Tage, dass ein Mann – und ein gutaussehender dazu – sich eine 40 Jahre ältere Geliebte sucht. Bernd hat es getan und sein Glück gefunden. Das kam so. Bernd fuhr mit seinen Schülern auf Klassenreise nach Holland. Sie segelten auf einem Schiff namens Ebenhezer, was man mit „Bis hierhin hat der Herr uns geholfen“ übersetzen kann. Der Eigner des Schiffes wusste sich nicht mehr zu helfen. „Mit Gottes Hilfe ist er pleite gegangen“, erzählt Bernd, „und mir ist eine Ehe pleite gegangen.“ Bernd verliebte sich aufs Neue. Er übernahm das Schiff, „meine zweite große Geliebte“, und segelte mit Ria seinerseits über Ijssel- und Wattenmeer: “Wir sind Wasserzigeuner.”

Das Schiff – gebaut 1910 in Zwartsluis als 30 Meter langer holländischer Einmast-Frachtsegler vom Typ Plattbodenschiff, nach Umbau mit Gemeinschaftsraum und zwei Dutzend Kojen – hieß nun Jacob van Berlijn nach Bernds damals zweijährigem Sohn aus der geschiedenen Ehe, der in Berlin geblieben war. Bernd und Ria nahmen wieder Schulklassen an Bord. “Da arbeiten alle zusammen”, schwärmt er, “das ist pädagogisch hervorragend.” Mal zerbrach eine Böe den 16 Meter langen Baum, und nach zwölf Jahren Notfalltraining ging ein Ozeansegler über Bord. Sommers segelten sie durch Holland, winters lagen sie im Emder Hafen.

Bis zu 140 Tage im Jahr ununterbrochen auf Segeltörn mit wechselnden Gruppen, das kostet Kraft. Deshalb soll die Jacob van Berlijn jetzt in Berlin ihren Unterhalt verdienen. Bernds Lehrergehalt reicht nicht für die zweite Geliebte. Sie ist anspruchsvoll: “Das frisst zu viel Liebe. Ich stecke hier überall drin. Sobald ich nachlasse, geht alles kaputt.” Eine Symbiose sei er mit dem Kahn eingegangen: “Schiffe sind Wesen, die haben eine Seele. Mit der Seele kann man sich vereinen.” Bernd sagt das ohne Pathos. Er sitzt in der gemütlich geheizten Kapitänskajüte, zwölf Quadratmeter mit Herd und Tisch und Bett, und stellt fest: “Mein Lebensmittelpunkt, auch der Höhepunkt.”

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Second Big Lover

It doesn’t happen every day that a man – and a good-looking one – would look for a lover 40 years older. Bernd did that and found his happiness. It happened like this. Bernd went with his pupils for a class trip to Holland. They sailed on a ship named Ebenhezer, which could be translated as ‘God helped us so far’. The owner of the boat couldn’t take it further. ‘With God’s help he went bankrupt’, tells Bernd, ‘and my marriage also went down the drain.’ Bernd fell in love again. He took over the ship, ‘my second lover’, and sailed with Ria on his side over Ijsselmeer and Wattenmeer – ‘we’re water gypsies.’

The ship – built 1910 in Zwartluis as a 30 meters flat Dutch cargo sailing ship, with living room and two dozen cabins after reconstruction – was named Jacob van Berlijn after his son, then two years old from the split marriage. Bernd and Ria are again taking pupil-trips on board. ‘Everyone works together then’, he says, ‘this is pedagogically fantastic.’ The boom of 16 meters broke once, and after twelve years of emergency training, an ocean sailor fell over board. The ship sailed through Holland in summer and slept in the Emden Harbor in winter.

Up to 140 days in a row in a year sailing with different groups, that takes strength. So Jacob van Berlijn has to earn its living in Berlin now. Bernd’s teacher salary is not enough for his second lover. She demands a lot, ‘it takes up too much love. I’m all over the place. As soon as I’ll let go, everything will break apart.’ He formed a symbiosis with the barge, ‘ships have character, they have a soul. One can join a soul.’ Bernd doesn’t say that in a pathetic way. He’s sitting in his cosy warm captains’ cabin, twelve square meters big with oven and table and bed, and states, ‘the center of my life, and my climax.’

ff

Jan 28


„Durch das Schlüsselloch“
In Berlin gibt es ein Meer der Kunst-Orte – Museen, Galerien, Ausstellungszentren, unkonventionelle Locations. Die Gemäldegalerie stellt eine der bedeuteten Sammlungen der Stadt aus – europäische Malerei vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. Minimalistisches Design und Spiel mit Tageslicht. Der zentrale Raum mit dem leisen Wasserbecken funktioniert wie eine Wirbelsäule für die Ausstellungsräume. Keine Schiffe im Wasser, viele aber auf den Gemälden.
Die Berliner Ideale Stadt ist ein mysteriöses Gemälde aus Urbino. „Es ist ein Enigma, wer es malte“, erzählt der Kunsthistoriker Geoff. „Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Städten verbracht, ich liebe aber den Ozean.“ Francesco di Giofio steht unter dem Gemälde. „Glaub nicht alles was Du in einem Museum liest“, sagt Geoff mit einem Lächeln. Francesco war ein Architekt, „Architektur beschäftigt sich sonst eher mit geschlossenen Räumen.“ Dieses Gemälde ist aber offen. Alle nennen es die Berliner Ideale Stadt. Kein Titel, nur eine Beschreibung. Es gibt noch zwei andere Bilder ähnlich diesem. Eins hängt in Urbino, eins in Baltimore. Auch in Tempera auf Holz gemalt. Alle Experten halten diese Bilder für verbunden. „Wir wissen aber es nicht wirklich.“ Das berlinische ist das einzige mit Schiffen. „Das einzige, das einen Horizont zeigt. In einem dynamischen Sinne öffnen die Schiffe den Blick auf die Unendlichkeit. Tatsächlich kommen die Schiffe auf die Stadt zu, denn der Wind bläht ihre Segel in diese Richtung.“ Wer steuert die Schiffe?
Kein Mensch ist im Gemälde zu sehen. „Es ist wie Alice guckend durchs das Schlüsselloch an dem Garten. Es ist eine Einladung, sich etwas vorzustellen, was nicht komplett da ist.“ Das Gemälde zeigt keinen Blick, den man in Urbino haben würde. Es passt indessen zu Berlin, wo das Meer ebenfalls eine Fiktion und Vorstellung bleibt. Imweißen und braunen zentralen Raum des Museums hängen keine Gemälde – es ist eine Einladung, nach Innen zu gucken. Eine Kathedrale.
nata
.
‚Through the Keyhole’
There is a sea of art spaces in Berlin – museums, galleries, exhibition centers, unconventional locations. The Old Master Painting Gallery displays one of the most important collections of the city – European paintings from 13th to 18th century. Minimalist design and play with daylight. The central room with the quiet water fountain functions as spine for the exhibition rooms. No ships in water, but many in the paintings.
Berlin Ideale Cita is a mysterious painting from Urbino. ‘It’s an enigma, who painted it’, tells the art historian Geoff. ‘I’ve lived most of my life in cities, but I love the ocean.’ Francesco di Giofio is written under the painting. ‘Don’t believe everything you read in a museum’, says Geoff with a smile. Francesco was an architect, ‘but architecture deals rather with closed spaces.’ This painting is open. Everybody calls it Berlin Ideal City. No title, just a description. There are two other similar paintings. One is in Urbino, the other one in Baltimore. Also painted with tempera on oil. All experts think these paintings are connected. ‘But we don’t know that for sure.’ The Berlin one is the only one with ships. ‘The only one showing a horizon. The ships open in a dynamic way the gaze to infinity. The ships are coming actually towards the city, the wind blows their sails this direction.’ Who’s coning the ships?
No human being in the painting. ‘It’s like Alice looking through the keyhole to the garden. It’s an invitation to imagine something which is not completely there.’ The painting also doesn’t show a view, which one would normally have in Urbino. It fits to Berlin, where the sea also stays fiction and imagination. There aren’t any paintings in the central white-brown room of the museum – it’s an invitation to look inside. A cathedral.
nata

„Durch das Schlüsselloch“

In Berlin gibt es ein Meer der Kunst-Orte – Museen, Galerien, Ausstellungszentren, unkonventionelle Locations. Die Gemäldegalerie stellt eine der bedeuteten Sammlungen der Stadt aus – europäische Malerei vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. Minimalistisches Design und Spiel mit Tageslicht. Der zentrale Raum mit dem leisen Wasserbecken funktioniert wie eine Wirbelsäule für die Ausstellungsräume. Keine Schiffe im Wasser, viele aber auf den Gemälden.

Die Berliner Ideale Stadt ist ein mysteriöses Gemälde aus Urbino. „Es ist ein Enigma, wer es malte“, erzählt der Kunsthistoriker Geoff. „Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Städten verbracht, ich liebe aber den Ozean.“ Francesco di Giofio steht unter dem Gemälde. „Glaub nicht alles was Du in einem Museum liest“, sagt Geoff mit einem Lächeln. Francesco war ein Architekt, „Architektur beschäftigt sich sonst eher mit geschlossenen Räumen.“ Dieses Gemälde ist aber offen. Alle nennen es die Berliner Ideale Stadt. Kein Titel, nur eine Beschreibung. Es gibt noch zwei andere Bilder ähnlich diesem. Eins hängt in Urbino, eins in Baltimore. Auch in Tempera auf Holz gemalt. Alle Experten halten diese Bilder für verbunden. „Wir wissen aber es nicht wirklich.“ Das berlinische ist das einzige mit Schiffen. „Das einzige, das einen Horizont zeigt. In einem dynamischen Sinne öffnen die Schiffe den Blick auf die Unendlichkeit. Tatsächlich kommen die Schiffe auf die Stadt zu, denn der Wind bläht ihre Segel in diese Richtung.“ Wer steuert die Schiffe?

Kein Mensch ist im Gemälde zu sehen. „Es ist wie Alice guckend durchs das Schlüsselloch an dem Garten. Es ist eine Einladung, sich etwas vorzustellen, was nicht komplett da ist.“ Das Gemälde zeigt keinen Blick, den man in Urbino haben würde. Es passt indessen zu Berlin, wo das Meer ebenfalls eine Fiktion und Vorstellung bleibt. Imweißen und braunen zentralen Raum des Museums hängen keine Gemälde – es ist eine Einladung, nach Innen zu gucken. Eine Kathedrale.

nata

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‚Through the Keyhole’

There is a sea of art spaces in Berlin – museums, galleries, exhibition centers, unconventional locations. The Old Master Painting Gallery displays one of the most important collections of the city – European paintings from 13th to 18th century. Minimalist design and play with daylight. The central room with the quiet water fountain functions as spine for the exhibition rooms. No ships in water, but many in the paintings.

Berlin Ideale Cita is a mysterious painting from Urbino. ‘It’s an enigma, who painted it’, tells the art historian Geoff. ‘I’ve lived most of my life in cities, but I love the ocean.’ Francesco di Giofio is written under the painting. ‘Don’t believe everything you read in a museum’, says Geoff with a smile. Francesco was an architect, ‘but architecture deals rather with closed spaces.’ This painting is open. Everybody calls it Berlin Ideal City. No title, just a description. There are two other similar paintings. One is in Urbino, the other one in Baltimore. Also painted with tempera on oil. All experts think these paintings are connected. ‘But we don’t know that for sure.’ The Berlin one is the only one with ships. ‘The only one showing a horizon. The ships open in a dynamic way the gaze to infinity. The ships are coming actually towards the city, the wind blows their sails this direction.’ Who’s coning the ships?

No human being in the painting. ‘It’s like Alice looking through the keyhole to the garden. It’s an invitation to imagine something which is not completely there.’ The painting also doesn’t show a view, which one would normally have in Urbino. It fits to Berlin, where the sea also stays fiction and imagination. There aren’t any paintings in the central white-brown room of the museum – it’s an invitation to look inside. A cathedral.

nata

Jan 27


"Wie ein kleines Kind“
ist die Borsigwalde, meint Jörg. Dieses kleine Kind ist aber letztes Jahr 100 geworden, fasst 800 Tonnen Fracht und schluckt bis zu 7500 Liter Diesel. Es wurde in Stettin auf Kiel gelegt und nach dem Berliner Stadtteil benannt. „Das war damals häufig: Es gab eine Konradshöhe, eine Spandau, eine Lichterfelde und eine Steglitz“, erzählt Jörg, der in Borsigwalde zur Schule kam, als sein Vater das Schiff kaufte.
Borsigwalde ist ein Binnenschiff: 70 Meter lang, 8 Meter breit. Jörg hat es übernommen als sein Vater 1992 aufhören wollte. Heute ist es schwieriger, mit einem Familienbetrieb zurechtzukommen. In den vergangenen zehn Jahren seien die Treibstoffkosten um 130 Prozent gestiegen. „Wir werden von der Politik vergessen.“ Polnische und tschechische Konkurrenz kommt dazu, „viele Fahrzeuge sind gar nicht schiffsversichert“. Ladung bekommt Jörg über eine Genossenschaft. Getreide, Futtermittel, Kohle. Manchmal stellt man sich auch andere Sachen vor. „Wir hatten mal einen Praktikanten, dem habe ich eine geschlossene Kokerei gezeigt, an der wir im Ruhrgebiet vorbeigefahren sind.“ Früher wurde viel mit Koks geheizt, und die Ladung wurde offen transportiert. „Aber das ist doch wertvoll“, sagte der Praktikant. „Da muss man doch aufpassen.“ Die beiden meinten verschiedene Dinge. Jetzt hat die Borsigwalde 740 Tonnen Steinkohle aus den USA im Hamburger Hafen von der Federico II übernommen, die sie am Kraftwerk Reuter in Berlin abliefern muss.
Auf dem „wandlungsfähigen“ Schiff ist man in der Natur: „Rehe am Ufer, Biber auf der Havel, Seeadler, eine Rotte Wildschweine, die quer durchs Wasser schwimmt.“ Arbeit ist aber kein Urlaub. Jörgs Eltern haben nie Urlaub gemacht. Und er? Donaukreuzfahrt. Mittelmeerkreuzfahrt. Auch in den Bergen. Ein Binnenschiff braucht aber immer Aufsicht. „Ich hab’s so gelernt, dass ich mein Schiff nicht einfach abschließe und allein lasse,“ sagt Jörg. Muss man darauf aufpassen, wie auf „ein kleines Kind“.
nata
.
‚Like a Small Child’
is Borsigwalde, says Jörg. But this small child turned 100 last year, has a cargo of 800 tones and swallows up to 7500 Diesel liters. It was constructed in Szczecin and was named after the Berliner city quarter. ‘This used to happen often: there was a Konradshöhe, a Spandau, a Lichterfelde and a Steglitz’, tells Jörg, who was going to school in Borsigwalde when his father bought the ship.
Borsigwalde is a barge: 70 meters long and 8 meters wide. Jörg took over it in 1992, when his father retired. Today, it is more difficult to make such a family business work. The fuel costs went up 130 percent over the last ten years. ‘We’ve been forgotten by the politicians.’ The Polish and Czech competition come on top, ‘many of their vessels don’t have ship insurance.’ Jörg gets cargos through an association. Cereals, forage, coal. One imagines also other things sometimes. ‘We had once an intern, I showed him a former coke oven plant, while passing by it in the Ruhr area.’ Coke was once often used for heating and was often transported in open holds. ‘But that’s really valuable’, said the intern, ‘one has to watch out with something like that.’ The two of them were talking about different things. Borsigwalde is transportting now 740 tones of black coal coming from the US, taken from Federico II in the Hamburg harbor, for the Reuter power station in Berlin.
One is in nature on the ‘versatile’ ship: ‘roe deer on the shore, beavers on the Havel, erne, red wild pig, which swims across the water.’ But work is no holiday. Jörgs’ parents never went on a holiday. And himself? Danube cruise. Mediterranean Sea cruise. Also hiking. But a barge needs constant attention. ‘That’s what I learnt, not to just lock and leave my ship behind’, says Jörg. One has to take care of it, like of ‘a small child.’
nata

"Wie ein kleines Kind“

ist die Borsigwalde, meint Jörg. Dieses kleine Kind ist aber letztes Jahr 100 geworden, fasst 800 Tonnen Fracht und schluckt bis zu 7500 Liter Diesel. Es wurde in Stettin auf Kiel gelegt und nach dem Berliner Stadtteil benannt. „Das war damals häufig: Es gab eine Konradshöhe, eine Spandau, eine Lichterfelde und eine Steglitz“, erzählt Jörg, der in Borsigwalde zur Schule kam, als sein Vater das Schiff kaufte.

Borsigwalde ist ein Binnenschiff: 70 Meter lang, 8 Meter breit. Jörg hat es übernommen als sein Vater 1992 aufhören wollte. Heute ist es schwieriger, mit einem Familienbetrieb zurechtzukommen. In den vergangenen zehn Jahren seien die Treibstoffkosten um 130 Prozent gestiegen. „Wir werden von der Politik vergessen.“ Polnische und tschechische Konkurrenz kommt dazu, „viele Fahrzeuge sind gar nicht schiffsversichert“. Ladung bekommt Jörg über eine Genossenschaft. Getreide, Futtermittel, Kohle. Manchmal stellt man sich auch andere Sachen vor. „Wir hatten mal einen Praktikanten, dem habe ich eine geschlossene Kokerei gezeigt, an der wir im Ruhrgebiet vorbeigefahren sind.“ Früher wurde viel mit Koks geheizt, und die Ladung wurde offen transportiert. „Aber das ist doch wertvoll“, sagte der Praktikant. „Da muss man doch aufpassen.“ Die beiden meinten verschiedene Dinge. Jetzt hat die Borsigwalde 740 Tonnen Steinkohle aus den USA im Hamburger Hafen von der Federico II übernommen, die sie am Kraftwerk Reuter in Berlin abliefern muss.

Auf dem „wandlungsfähigen“ Schiff ist man in der Natur: „Rehe am Ufer, Biber auf der Havel, Seeadler, eine Rotte Wildschweine, die quer durchs Wasser schwimmt.“ Arbeit ist aber kein Urlaub. Jörgs Eltern haben nie Urlaub gemacht. Und er? Donaukreuzfahrt. Mittelmeerkreuzfahrt. Auch in den Bergen. Ein Binnenschiff braucht aber immer Aufsicht. „Ich hab’s so gelernt, dass ich mein Schiff nicht einfach abschließe und allein lasse,“ sagt Jörg. Muss man darauf aufpassen, wie auf „ein kleines Kind“.

nata

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‚Like a Small Child’

is Borsigwalde, says Jörg. But this small child turned 100 last year, has a cargo of 800 tones and swallows up to 7500 Diesel liters. It was constructed in Szczecin and was named after the Berliner city quarter. ‘This used to happen often: there was a Konradshöhe, a Spandau, a Lichterfelde and a Steglitz’, tells Jörg, who was going to school in Borsigwalde when his father bought the ship.

Borsigwalde is a barge: 70 meters long and 8 meters wide. Jörg took over it in 1992, when his father retired. Today, it is more difficult to make such a family business work. The fuel costs went up 130 percent over the last ten years. ‘We’ve been forgotten by the politicians.’ The Polish and Czech competition come on top, ‘many of their vessels don’t have ship insurance.’ Jörg gets cargos through an association. Cereals, forage, coal. One imagines also other things sometimes. ‘We had once an intern, I showed him a former coke oven plant, while passing by it in the Ruhr area.’ Coke was once often used for heating and was often transported in open holds. ‘But that’s really valuable’, said the intern, ‘one has to watch out with something like that.’ The two of them were talking about different things. Borsigwalde is transportting now 740 tones of black coal coming from the US, taken from Federico II in the Hamburg harbor, for the Reuter power station in Berlin.

One is in nature on the ‘versatile’ ship: ‘roe deer on the shore, beavers on the Havel, erne, red wild pig, which swims across the water.’ But work is no holiday. Jörgs’ parents never went on a holiday. And himself? Danube cruise. Mediterranean Sea cruise. Also hiking. But a barge needs constant attention. ‘That’s what I learnt, not to just lock and leave my ship behind’, says Jörg. One has to take care of it, like of ‘a small child.’

nata

Jan 26



Weite Fahrt durchs Meer der Worte

Worte wogen. Blätter baumeln. Abertausend Zettel zappeln im Zug, wenn die Tür sich öffnet. Ein Ozean der Worte erstreckt sich über den Köpfen der Gäste. Dank und Grüße, auch wohl Küsse. Und immer wieder Fisch. Fliegende Fische. Hier einer mit Sprechblase: „La fille qui m’a dégusté m’a trouvé délicieux (ich war sehr gut)“. Datiert 30 XII 2011. Es könnte auch jeder andere Tag sein. Dienstags und donnerstags landet frischer Nachschub vom Mittelmeer an.

Am Spiegel über den Gläsern hat die Blauauge aus Antalya angelegt. Ihr blaues Auge im Segel blickt auf das Zettelmeer, dessen geflügelte Worte die kleine Welt dieser vier Wände widerspiegeln.„Meine Gäste und Nachbarn haben alles mitgebracht“, erzählt Balikci. Das Schiff mit dem Auge schenkte ihm der Nachbar, der im S-Bahn-Bogen nebenan seine Firma für Kamerasysteme hatte. Es soll den bösen Blick vertreiben. Die Zettel zeugen davon, dass hier das Glück mit am Tisch sitzt. Fisch, Salat und Raki – mehr brauche er nicht, sagt Balikci. „Mein erster Fischladen war bis 1990 in der Bastianstraße. Jeder Gast hat dort schon einen Zettel geschrieben.“ Er sammelte sie, nahm sie beim Umzug 1991 mit und hängte sie an dieser Decke auf: „Das ist meine Idee.“

An den Wänden, den Küsten dieses Zettelmeeres, hängen Fotos vieler Gäste. Nicht das von Helmut Kohl, dessen Frau hier regelmäßig Fisch kaufte, wie Balikci erzählt. Auch nicht das von Sibel Kikelli, die kürzlich hier aß. Aber das des früheren türkischen Fußballnationaltrainers, der in den 1960er Jahren mit Balikci für Ankara in der Ersten Liga kickte. Nahe dem Liegeplatz der Blauaugehat der Wirt stolz Bilder seiner Mannschaft aufgehängt. Ein neuer Stolz ist hinzugekommen: „In ganz Deutschland gibt’s kein Restaurant, das mehr als 20 Sorten frischen Fisch hat, in ganz Europa nicht.“ Und das Grollen der S-Bahn verwandelt sich zum Meeresrauschen.

ff

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Long Trip through the Sea of Words

Words wave. Cards dangle. Thousands and thousands of cards flounder in the draught, when the door opens. An ocean of words spreads over the guests’ head. Thanks and greetings, and many kisses. And a lot of fish. Flying fish. Here’s one with a speech bubble: ‘La fille qui m’a dégusté m’a trouvé délicieux (I was delicious).’ Dated 30 XII 2011. Could have been any other day. Fresh supplies from the Mediterranean Sea arrive Tuesdays and Thursdays.

Blauauge from Antalya anchored by the mirror above the glasses. The blue eye on the sails gazes over the sea of cards, whose flying words mirror the small world in between the four walls. ‘My guests and neighbors have brought everything’, tells Balikci. His neighbor gave him the ship with the eye, he had a company for camera systems next door under the arch of the S-bahn. It’s supposed to drive away the evil eye. The notes are proof that happiness is a guest in here. Fish, salad and Raki – he doesn’t need more than that, tells Balikci. ‘My first fish shop was in Bastianstraße until 1990. Every guest wrote a note there already.’ He collected all of them, took them along when he moved in 1991 and hanged them from the ceiling, ‘this is my idea.’

Photos of many guests are hanging on the walls, on the coasts of this sea of cards. Not of Helmut Kohl, whose wife used to buy here fish regularly, as Balikci tells. Neither that of Sibel Kikelli, who ate here recently. But there is the photo of the football national trainer, who played with Balikci for Ankara in the first league. The host proudly hanged pictures of his team close to the anchored Blauauge ship. Another reason to be proud: ‘there isn’t a restaurant in the entire Germany, offering more than 20 types of fish, not in the entire Europe.’ And the rumblings of the S-bahn metamorphose into sea hissings.

ff

Weite Fahrt durchs Meer der Worte

Worte wogen. Blätter baumeln. Abertausend Zettel zappeln im Zug, wenn die Tür sich öffnet. Ein Ozean der Worte erstreckt sich über den Köpfen der Gäste. Dank und Grüße, auch wohl Küsse. Und immer wieder Fisch. Fliegende Fische. Hier einer mit Sprechblase: „La fille qui m’a dégusté m’a trouvé délicieux (ich war sehr gut)“. Datiert 30 XII 2011. Es könnte auch jeder andere Tag sein. Dienstags und donnerstags landet frischer Nachschub vom Mittelmeer an.

Am Spiegel über den Gläsern hat die Blauauge aus Antalya angelegt. Ihr blaues Auge im Segel blickt auf das Zettelmeer, dessen geflügelte Worte die kleine Welt dieser vier Wände widerspiegeln.„Meine Gäste und Nachbarn haben alles mitgebracht“, erzählt Balikci. Das Schiff mit dem Auge schenkte ihm der Nachbar, der im S-Bahn-Bogen nebenan seine Firma für Kamerasysteme hatte. Es soll den bösen Blick vertreiben. Die Zettel zeugen davon, dass hier das Glück mit am Tisch sitzt. Fisch, Salat und Raki – mehr brauche er nicht, sagt Balikci. „Mein erster Fischladen war bis 1990 in der Bastianstraße. Jeder Gast hat dort schon einen Zettel geschrieben.“ Er sammelte sie, nahm sie beim Umzug 1991 mit und hängte sie an dieser Decke auf: „Das ist meine Idee.“

An den Wänden, den Küsten dieses Zettelmeeres, hängen Fotos vieler Gäste. Nicht das von Helmut Kohl, dessen Frau hier regelmäßig Fisch kaufte, wie Balikci erzählt. Auch nicht das von Sibel Kikelli, die kürzlich hier aß. Aber das des früheren türkischen Fußballnationaltrainers, der in den 1960er Jahren mit Balikci für Ankara in der Ersten Liga kickte. Nahe dem Liegeplatz der Blauaugehat der Wirt stolz Bilder seiner Mannschaft aufgehängt. Ein neuer Stolz ist hinzugekommen: „In ganz Deutschland gibt’s kein Restaurant, das mehr als 20 Sorten frischen Fisch hat, in ganz Europa nicht.“ Und das Grollen der S-Bahn verwandelt sich zum Meeresrauschen.

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Long Trip through the Sea of Words

Words wave. Cards dangle. Thousands and thousands of cards flounder in the draught, when the door opens. An ocean of words spreads over the guests’ head. Thanks and greetings, and many kisses. And a lot of fish. Flying fish. Here’s one with a speech bubble: ‘La fille qui m’a dégusté m’a trouvé délicieux (I was delicious).’ Dated 30 XII 2011. Could have been any other day. Fresh supplies from the Mediterranean Sea arrive Tuesdays and Thursdays.

Blauauge from Antalya anchored by the mirror above the glasses. The blue eye on the sails gazes over the sea of cards, whose flying words mirror the small world in between the four walls. ‘My guests and neighbors have brought everything’, tells Balikci. His neighbor gave him the ship with the eye, he had a company for camera systems next door under the arch of the S-bahn. It’s supposed to drive away the evil eye. The notes are proof that happiness is a guest in here. Fish, salad and Raki – he doesn’t need more than that, tells Balikci. ‘My first fish shop was in Bastianstraße until 1990. Every guest wrote a note there already.’ He collected all of them, took them along when he moved in 1991 and hanged them from the ceiling, ‘this is my idea.’

Photos of many guests are hanging on the walls, on the coasts of this sea of cards. Not of Helmut Kohl, whose wife used to buy here fish regularly, as Balikci tells. Neither that of Sibel Kikelli, who ate here recently. But there is the photo of the football national trainer, who played with Balikci for Ankara in the first league. The host proudly hanged pictures of his team close to the anchored Blauauge ship. Another reason to be proud: ‘there isn’t a restaurant in the entire Germany, offering more than 20 types of fish, not in the entire Europe.’ And the rumblings of the S-bahn metamorphose into sea hissings.

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Jan 25


Das Tier des Monats
Gemütliche Kissen vor den großen Fenstern. Keine Straße, sondern Wasser draußen. 50 kleine schwarze gucken rein. Blesshühner. Und Minu, die schwimmende Katze, wohnt auch hier. „Sie paddelt total schnell. Sie ist schon mehrmals ins Wasser gefallen. Sie klettert dann über einen Reifen wieder aufs Schiff,” erzählt Neda. Von der Küche kommt plötzlich ein Knurren. Eine größere Katze? „Wenn man unseren Wasserhahn aufdreht, dann brummt es.“ Minu ist ein Jahr alt. Neda ist elf. Ihr Name kommt „von einer Wassernymphe, einer Tochter von Zeus, glaube ich“. Sie kann sich nicht richtig daran erinnern, in einem festen Haus gewohnt zu haben. Ihre Alfred ist ein Wohnschubleichter aus den 60er Jahren. „Das Schiff ist nach unserem Uropa benannt.”
Neda ist die einzige in ihrer Klasse, die auf einem Hausboot wohnt. „Die anderen Kinder finden das total toll und sind total neidisch.” Drei der fünf Geschwister leben noch auf dem Schiff. „Wenn wir im Sommer auf dem Dach frühstücken: Ach ist das toll!“, erzählt ihr Bruder Ladislaus. Sie springen auch zum Baden vom Dach in die Spree. Hinten steht eine Badewanne unter freiem Himmel. Enten nisteten auf dem Dach. Überraschungen gibt es auch: „Da war über Nacht ein Fahrrad ins Wasser gefallen.” Oder irgendwann ein Gast. Neda möchte sowieso weiter auf dem Schiff wohnen. Für Minu ist das Leben hier auch schön – voller Fische. Sie kennt sich hier aus. „Die Katze begleitet mich den halben Weg zur Schule”.
Eine Schnecke hat ihr Häuschen dabei. Kann sich langsam damit auf den Weg machen. Das denkt man auch über ein Hausboot. Ist alles schon drauf und kann weiter segeln. Es ist aber nicht unbedingt so mit den Wohnschiffen in Treptow. Es gibt kaum Liegeplätze in Berlin. Die Schule der Kinder ist gegenüber. Endlich kennt der Briefträger den Weg. Die Hausboote sollen aber weg – die glänzend weiße Charterflotte der Reederei marschiert ein. Heute liegen hier noch zwölf Hausboote. Es waren 13. Minu schwimmt hier aber weiter.
nata
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Animal of the Month
Cosy pillows under the big windows. No street, but water outside. 50 small blacks are looking inside. Coots. And Minu, the swimming cat, lives here as well. ‘She paddles really fast. She fell into the water many times. She climbs then back on the tires’, tells Neda. A snarl comes suddenly from the kitchen. A bigger cat? ‘Turning our tap growls.’ Minu is one year old. Neda is eleven. Her name comes from a ‘water nymph, a daughter from Zeus, I think’. She can’t really remember to have ever lived in a fixed house. Her Alfred is a house barge from the 60s. ‘The ship was named after our great-grandfather.’
Neda is the only one in her class, who lives on a houseboat. ‘The other kids find it really cool and are really envious.’ Three out of the five siblings still live on the ship. ‘Having breakfast on the housetop in the summer is just so great!’ tells her brother Ladislaus. They also jump from the top into the Spree to swim. There’s also a bath tab at the back of the ship, under the sky. Ducks build nests on the rooftop. There are also surprises - ‘a bicycle fell into the water one night’. Some other time so did a guest. But Neda still wants to keep on living on the ship. Life is good for Minu here too – full of fish. She knows her way around here. ‘The cat accompanies me half way to school.’
A snail has its little house on. Can slowly head off with it. That’s what one may also think about a houseboat. Everything is already on it and could sail away. But it’s not really like this with the houseboats from Treptow. There are too few anchorages in Berlin. The kids’ school is just across the river. The postman finally finds his way. But the houseboats have to go away – the glowing white charter fleet of the shipping company is invading. There are still twelve houseboats floating here today. Used to be 13. But Minu still swims here.
nata

Das Tier des Monats

Gemütliche Kissen vor den großen Fenstern. Keine Straße, sondern Wasser draußen. 50 kleine schwarze gucken rein. Blesshühner. Und Minu, die schwimmende Katze, wohnt auch hier. „Sie paddelt total schnell. Sie ist schon mehrmals ins Wasser gefallen. Sie klettert dann über einen Reifen wieder aufs Schiff,” erzählt Neda. Von der Küche kommt plötzlich ein Knurren. Eine größere Katze? „Wenn man unseren Wasserhahn aufdreht, dann brummt es.“ Minu ist ein Jahr alt. Neda ist elf. Ihr Name kommt „von einer Wassernymphe, einer Tochter von Zeus, glaube ich“. Sie kann sich nicht richtig daran erinnern, in einem festen Haus gewohnt zu haben. Ihre Alfred ist ein Wohnschubleichter aus den 60er Jahren. „Das Schiff ist nach unserem Uropa benannt.”

Neda ist die einzige in ihrer Klasse, die auf einem Hausboot wohnt. „Die anderen Kinder finden das total toll und sind total neidisch.” Drei der fünf Geschwister leben noch auf dem Schiff. „Wenn wir im Sommer auf dem Dach frühstücken: Ach ist das toll!“, erzählt ihr Bruder Ladislaus. Sie springen auch zum Baden vom Dach in die Spree. Hinten steht eine Badewanne unter freiem Himmel. Enten nisteten auf dem Dach. Überraschungen gibt es auch: „Da war über Nacht ein Fahrrad ins Wasser gefallen.” Oder irgendwann ein Gast. Neda möchte sowieso weiter auf dem Schiff wohnen. Für Minu ist das Leben hier auch schön – voller Fische. Sie kennt sich hier aus. „Die Katze begleitet mich den halben Weg zur Schule”.

Eine Schnecke hat ihr Häuschen dabei. Kann sich langsam damit auf den Weg machen. Das denkt man auch über ein Hausboot. Ist alles schon drauf und kann weiter segeln. Es ist aber nicht unbedingt so mit den Wohnschiffen in Treptow. Es gibt kaum Liegeplätze in Berlin. Die Schule der Kinder ist gegenüber. Endlich kennt der Briefträger den Weg. Die Hausboote sollen aber weg – die glänzend weiße Charterflotte der Reederei marschiert ein. Heute liegen hier noch zwölf Hausboote. Es waren 13. Minu schwimmt hier aber weiter.

nata

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Animal of the Month

Cosy pillows under the big windows. No street, but water outside. 50 small blacks are looking inside. Coots. And Minu, the swimming cat, lives here as well. ‘She paddles really fast. She fell into the water many times. She climbs then back on the tires’, tells Neda. A snarl comes suddenly from the kitchen. A bigger cat? ‘Turning our tap growls.’ Minu is one year old. Neda is eleven. Her name comes from a ‘water nymph, a daughter from Zeus, I think’. She can’t really remember to have ever lived in a fixed house. Her Alfred is a house barge from the 60s. ‘The ship was named after our great-grandfather.’

Neda is the only one in her class, who lives on a houseboat. ‘The other kids find it really cool and are really envious.’ Three out of the five siblings still live on the ship. ‘Having breakfast on the housetop in the summer is just so great!’ tells her brother Ladislaus. They also jump from the top into the Spree to swim. There’s also a bath tab at the back of the ship, under the sky. Ducks build nests on the rooftop. There are also surprises - ‘a bicycle fell into the water one night’. Some other time so did a guest. But Neda still wants to keep on living on the ship. Life is good for Minu here too – full of fish. She knows her way around here. ‘The cat accompanies me half way to school.’

A snail has its little house on. Can slowly head off with it. That’s what one may also think about a houseboat. Everything is already on it and could sail away. But it’s not really like this with the houseboats from Treptow. There are too few anchorages in Berlin. The kids’ school is just across the river. The postman finally finds his way. But the houseboats have to go away – the glowing white charter fleet of the shipping company is invading. There are still twelve houseboats floating here today. Used to be 13. But Minu still swims here.

nata

Jan 24


Die Welt trifft sich in Rummelsburg
Alle Welt schläft in Rummelsburg, träumt in Rummelsburg. Träumt von Rummelsburg? Die Kamina wiegt sie in den Schlaf: Australier und Neuseeländer, Inder und Amerikaner. Sie wollen zum Swimming Hostel Berlin und landen auf der belgischen Spits, gebaut 1963 in Oostende, umgebaut 45 Jahre später in Lübeck, seit August 2010 Traum-Ort weltreisender Backpacker im Rummelsburger See. Für ihr Bett zahlen sie wenig, für ihr Frühstück exakt so viel wie sie möchten.
Thomas träumte von der Weltumseglung, nachhaltig mit Gästen an Bord. Doch dafür hätten er und Eddy, der Partner und Maschinenbauingenieur, ein Schiff von 30 oder 35 Metern Länge gebraucht. Das hätte mindestens eine Dreiviertelmillion gekostet, „und die haben wir nicht zusammenbekommen“. Für die Kamina mit zwölf Betten und zwei Matrosenkojen reichte es. Nun segeln Thomas und Eddy nicht um die Welt, „jetzt kommt die Welt zu uns“. Ihre Träume gehen weiter auf Reisen. Eines Tages soll die Kamina „als Hostel durch Europa touren“. Backpacker-Cruises von Marseille über das Schwarze Meer nach Istanbul und zurück: „Das ist unsere Traumstrecke.“
Es kann noch etwas dauern. „Wasser ist ein entschleunigendes Element.“ Es könnte Durststrecken geben. „Es gibt diese Wüstenerfahrung auf dem Meer, wo man aus eigener Kraft nicht überleben kann.“ Wer jedoch auf den Geschmack kam, mag nicht davon lassen. „Ein Salamibrot schmeckt auf dem Meer einfach viel besser.“ Thomas kennt sich aus mit Umwegen, die zu märchenhaften Zielen führen: In Bremen aufgewachsen, Bankkaufmann gelernt, Wirtschaftswissenschaften anstudiert, die Komödie in Kassel gemanagt, das Brüder-Grimm-Festival mitgegründet. Nun Kapitän des Traum-Schiffs von Rummelsburg. Die Kamina ist ihm „Burg, Freiheit, Gemeinschaft“. Und doch muss er ein böses Erwachen fürchten. Aus der Traum für Thomas? Er soll seinen Liegeplatz verlassen. Ein neuer ist noch nicht in Sicht. Schlaflose Nächte auf dem Rummelsburger See.
ff
.
The World Gets Together in Rummelsburg
The entire world sleeps in Rummelsburg, dreams in Rummelsburg. Dreams about Rummelsburg? Kamina rocks them in their sleep: Australians and New Zealanders, Indians and Americans. They plan to be on the Swimming Hostel Berlin and they find themselves on the Belgian spits, built in 1963 in Oostende, changed 45 years later in Lübeck, dream place for world travelers in the Rummelsburg Lake since august 2010. They pay little for their bed and exactly as much as they want for their breakfast.
Thomas dreamed about sailing around the world, in a sustainable way with guests on board. That’s why he and his partner Eddy, a mechanical engineer, would have needed a 30 to 35 meters ship. That would have cost up to three quarters of a million, ‘and we couldn’t raise that.’ But they did raise enough for Kamina with its 12 beds and two sailors’ bunks. Now Thomas and Eddy are not sailing around the world, ‘now the world is coming to us.’ They still dream about traveling. Kamina ‘will tour Europe as a hostel’, one of these days. Cruises for backpackers from Marseille through the Black Sea to Istanbul and back, ‘that’s our dream track.’
But it could take another while until then. ‘Water is a calming element.’ Could encounter also dry times. ‘There’s this desert feeling in experiencing the sea, one couldn’t survive on his own.’ But who got to know this, doesn’t let it go anymore, ‘bread and salami taste just much better on the sea.’ Thomas knows his way around detours, which lead to magic goals: he grew up in Bremen, got his training in banking, studied economics, managed Comedy in Kassel, co-founded the Grimm Brothers Festival. Now captain of the ship-of-dreams from Rummelsburg. Kamina is for him ‘castle, freedom, community.’ And now he starts to fear an angry awakening. Is that put paid to Thomas’ dream? He might have to leave his anchorage. A new one is not yet at the horizon. Sleepless nights on the Rummelsburg Lake.
ff

Die Welt trifft sich in Rummelsburg

Alle Welt schläft in Rummelsburg, träumt in Rummelsburg. Träumt von Rummelsburg? Die Kamina wiegt sie in den Schlaf: Australier und Neuseeländer, Inder und Amerikaner. Sie wollen zum Swimming Hostel Berlin und landen auf der belgischen Spits, gebaut 1963 in Oostende, umgebaut 45 Jahre später in Lübeck, seit August 2010 Traum-Ort weltreisender Backpacker im Rummelsburger See. Für ihr Bett zahlen sie wenig, für ihr Frühstück exakt so viel wie sie möchten.

Thomas träumte von der Weltumseglung, nachhaltig mit Gästen an Bord. Doch dafür hätten er und Eddy, der Partner und Maschinenbauingenieur, ein Schiff von 30 oder 35 Metern Länge gebraucht. Das hätte mindestens eine Dreiviertelmillion gekostet, „und die haben wir nicht zusammenbekommen“. Für die Kamina mit zwölf Betten und zwei Matrosenkojen reichte es. Nun segeln Thomas und Eddy nicht um die Welt, „jetzt kommt die Welt zu uns“. Ihre Träume gehen weiter auf Reisen. Eines Tages soll die Kamina „als Hostel durch Europa touren“. Backpacker-Cruises von Marseille über das Schwarze Meer nach Istanbul und zurück: „Das ist unsere Traumstrecke.“

Es kann noch etwas dauern. „Wasser ist ein entschleunigendes Element.“ Es könnte Durststrecken geben. „Es gibt diese Wüstenerfahrung auf dem Meer, wo man aus eigener Kraft nicht überleben kann.“ Wer jedoch auf den Geschmack kam, mag nicht davon lassen. „Ein Salamibrot schmeckt auf dem Meer einfach viel besser.“ Thomas kennt sich aus mit Umwegen, die zu märchenhaften Zielen führen: In Bremen aufgewachsen, Bankkaufmann gelernt, Wirtschaftswissenschaften anstudiert, die Komödie in Kassel gemanagt, das Brüder-Grimm-Festival mitgegründet. Nun Kapitän des Traum-Schiffs von Rummelsburg. Die Kamina ist ihm „Burg, Freiheit, Gemeinschaft“. Und doch muss er ein böses Erwachen fürchten. Aus der Traum für Thomas? Er soll seinen Liegeplatz verlassen. Ein neuer ist noch nicht in Sicht. Schlaflose Nächte auf dem Rummelsburger See.

ff

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The World Gets Together in Rummelsburg

The entire world sleeps in Rummelsburg, dreams in Rummelsburg. Dreams about Rummelsburg? Kamina rocks them in their sleep: Australians and New Zealanders, Indians and Americans. They plan to be on the Swimming Hostel Berlin and they find themselves on the Belgian spits, built in 1963 in Oostende, changed 45 years later in Lübeck, dream place for world travelers in the Rummelsburg Lake since august 2010. They pay little for their bed and exactly as much as they want for their breakfast.

Thomas dreamed about sailing around the world, in a sustainable way with guests on board. That’s why he and his partner Eddy, a mechanical engineer, would have needed a 30 to 35 meters ship. That would have cost up to three quarters of a million, ‘and we couldn’t raise that.’ But they did raise enough for Kamina with its 12 beds and two sailors’ bunks. Now Thomas and Eddy are not sailing around the world, ‘now the world is coming to us.’ They still dream about traveling. Kamina ‘will tour Europe as a hostel’, one of these days. Cruises for backpackers from Marseille through the Black Sea to Istanbul and back, ‘that’s our dream track.’

But it could take another while until then. ‘Water is a calming element.’ Could encounter also dry times. ‘There’s this desert feeling in experiencing the sea, one couldn’t survive on his own.’ But who got to know this, doesn’t let it go anymore, ‘bread and salami taste just much better on the sea.’ Thomas knows his way around detours, which lead to magic goals: he grew up in Bremen, got his training in banking, studied economics, managed Comedy in Kassel, co-founded the Grimm Brothers Festival. Now captain of the ship-of-dreams from Rummelsburg. Kamina is for him ‘castle, freedom, community.’ And now he starts to fear an angry awakening. Is that put paid to Thomas’ dream? He might have to leave his anchorage. A new one is not yet at the horizon. Sleepless nights on the Rummelsburg Lake.

ff

Jan 23

Auf der Spree galoppieren
Eine Kutsche schaukelt über den Boulevard. Muss etwas besonderes sein, denkt man heute. Mit einer Kutsche heute zu fahren ist ein Versuch zu feiern, den Alltag zu überflügeln und die Zeit zu betrügen. Der Hausboot-Verleih mit Stegplätzen an der Oberbaumbrücke trägt diese Idee einen Schritt weiter – er bietet Kutschen ohne Räder und ohne Pferde an. “Raus aus der stinkenden Stadt. Das Wasser birgt ja auch etwas Beruhigendes. Ich habe eher einen Hang zum Meer, zum Salzwasser und Ozean,” erzählt Jan. “Ich habe mir das so romantisch vorgestellt, dass ich pfeiferauchend auf dem Schaukelstuhl am Bootssteg sitze und auf die Kunden warte. So läuft’s leider nicht. Um Charterboote muss man sich ständig kümmern.”
Jans Kutschen schaukeln auf der Spree, sind Wasserkutschen. Gebaut nach einem gekauften Plan, den er umgesetzt hat. Zwei dieser Kajütboote segeln in Berlin seit 2010. “Ich baue an Nummer drei und vier”, sagt Jan. Man kann irgendwo ankern oder eine Mischung aus Hausbooturlaub und Wasserwandern machen. Sie haben 3,5 Elektropferde, für Boote unter 5 PS braucht man keinen Führerschein. Bei halber Kraft voraus erreicht man 6,5 Kilometer pro Stunde und kann stundenlang fahren. “Acht Stunden lautlos dahingleiten.”
Jan baut weiter, die neue Saison beginnt im April. “Es passiert ja ‘ne Menge auf dem Wasser. Das ist gerade ein echter Schub. Der Berliner an sich - wir haben ja unheimlich viel Wasser hier - bei dem ist es schon lang verankert in der Seele.” Nach einer grünen und einer roten Wasserkutsche, kommt jetzt eine blaue. Der Kutschen-Embryo braucht zwei bis drei Monate und zwei bis drei Leute. Keine Fee mit einem Zauberstab. Keinen Namen, sondern Farbe. Diese Kutschen verwandeln sich aber auch nicht um Mitternacht in einen Kürbis zurück. Man könnte drei Tage und drei Nächte lang weiter galoppieren.
nata
.
Galloping on the Spree
A carriage swings on the boulevard. Should be something special, one would think nowadays. Driving a carriage today is an attempt to celebrate, to outwit daily routine and to deceive time. The Houseboat Rental, with parking slots at the Oberbaum Bridge, takes this idea a step further – it offers carriages without wheels and without horses. ‘Getting out of the stinky city. Water brings along something comforting. I’ve got an inclination for the seaside, for salty water and the ocean’, tells Jan. ‘I had a romantic picture of it, that I’d be smoking a pipe on a swing chair by the water, waiting for customers. Unfortunately it doesn’t work like that. The charter boats keep one always busy.’
Jan’s carriages swing on the Spree, they are Wasserkutschen. Built after a bought plan, which he implemented. Two of these cabin cruisers have been sailing in Berlin since 2010. ‘I’m building a number three and four’, says Jan. One can anchor somewhere or try a combination of a houseboat holiday and a water trip. They have 3,5-electric horses, one doesn’t need a driving license for boats with less than 5-horse power. One can reach up to 6,5 km per hour at half speed and can drive for hours. ‘Eight hours of quietly gliding.’
Jan keeps constructing, the new season starts in April. ‘There’s a lot happening on water. That’s really a push. We have a lot of water around here - it’s already been anchored in Berliners’ hearts for a long time.’ A blue carriage will follow after the green and the red Wasserkutsche. The carriage-embryo needs two to three months and two to three people. There’s no fairy with a magic wand. No names, just colors. But these carriages will also not transform back into a pumpkin at midnight. One could keep galloping for three days and three nights.
nata

Auf der Spree galoppieren

Eine Kutsche schaukelt über den Boulevard. Muss etwas besonderes sein, denkt man heute. Mit einer Kutsche heute zu fahren ist ein Versuch zu feiern, den Alltag zu überflügeln und die Zeit zu betrügen. Der Hausboot-Verleih mit Stegplätzen an der Oberbaumbrücke trägt diese Idee einen Schritt weiter – er bietet Kutschen ohne Räder und ohne Pferde an. “Raus aus der stinkenden Stadt. Das Wasser birgt ja auch etwas Beruhigendes. Ich habe eher einen Hang zum Meer, zum Salzwasser und Ozean,” erzählt Jan. “Ich habe mir das so romantisch vorgestellt, dass ich pfeiferauchend auf dem Schaukelstuhl am Bootssteg sitze und auf die Kunden warte. So läuft’s leider nicht. Um Charterboote muss man sich ständig kümmern.”

Jans Kutschen schaukeln auf der Spree, sind Wasserkutschen. Gebaut nach einem gekauften Plan, den er umgesetzt hat. Zwei dieser Kajütboote segeln in Berlin seit 2010. “Ich baue an Nummer drei und vier”, sagt Jan. Man kann irgendwo ankern oder eine Mischung aus Hausbooturlaub und Wasserwandern machen. Sie haben 3,5 Elektropferde, für Boote unter 5 PS braucht man keinen Führerschein. Bei halber Kraft voraus erreicht man 6,5 Kilometer pro Stunde und kann stundenlang fahren. “Acht Stunden lautlos dahingleiten.”

Jan baut weiter, die neue Saison beginnt im April. “Es passiert ja ‘ne Menge auf dem Wasser. Das ist gerade ein echter Schub. Der Berliner an sich - wir haben ja unheimlich viel Wasser hier - bei dem ist es schon lang verankert in der Seele.” Nach einer grünen und einer roten Wasserkutsche, kommt jetzt eine blaue. Der Kutschen-Embryo braucht zwei bis drei Monate und zwei bis drei Leute. Keine Fee mit einem Zauberstab. Keinen Namen, sondern Farbe. Diese Kutschen verwandeln sich aber auch nicht um Mitternacht in einen Kürbis zurück. Man könnte drei Tage und drei Nächte lang weiter galoppieren.

nata

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Galloping on the Spree

A carriage swings on the boulevard. Should be something special, one would think nowadays. Driving a carriage today is an attempt to celebrate, to outwit daily routine and to deceive time. The Houseboat Rental, with parking slots at the Oberbaum Bridge, takes this idea a step further – it offers carriages without wheels and without horses. ‘Getting out of the stinky city. Water brings along something comforting. I’ve got an inclination for the seaside, for salty water and the ocean’, tells Jan. ‘I had a romantic picture of it, that I’d be smoking a pipe on a swing chair by the water, waiting for customers. Unfortunately it doesn’t work like that. The charter boats keep one always busy.’

Jan’s carriages swing on the Spree, they are Wasserkutschen. Built after a bought plan, which he implemented. Two of these cabin cruisers have been sailing in Berlin since 2010. ‘I’m building a number three and four’, says Jan. One can anchor somewhere or try a combination of a houseboat holiday and a water trip. They have 3,5-electric horses, one doesn’t need a driving license for boats with less than 5-horse power. One can reach up to 6,5 km per hour at half speed and can drive for hours. ‘Eight hours of quietly gliding.’

Jan keeps constructing, the new season starts in April. ‘There’s a lot happening on water. That’s really a push. We have a lot of water around here - it’s already been anchored in Berliners’ hearts for a long time.’ A blue carriage will follow after the green and the red Wasserkutsche. The carriage-embryo needs two to three months and two to three people. There’s no fairy with a magic wand. No names, just colors. But these carriages will also not transform back into a pumpkin at midnight. One could keep galloping for three days and three nights.

nata